Zur Erstausgabe von W. A. Mozarts Spaur-Messe KV 257
nach der von Leopold und Wolfgang Amadé Mozart
eigenhändig revidierten Stimmenhandschrift im Diözesanarchiv Brixen

 

Die seit Ende des 19. Jahrhunderts andauernden Mutmaßungen renommierter Musikhistoriker, welche der Messen Mozarts denn wirklich die Spaur-Messe sei, fand 2007 durch Forschungsergebnisse von Hildegard Herrmann-Schneider ein Ende: Zweifelsfrei ist jetzt KV 257 die Spaur-Messe, komponiert zur Bischofsweihe des Brixner Bistums-Administrators und -Koadjutors Graf  Ignaz von Spaur (1729 Innsbruck - Brixen 1779), die am 17. November 1776 im Salzburger Dom stattfand.

Bei den Arbeiten an der systematischen wissenschaftlichen Katalogisierung der Musikalien des Domkapitelarchivs im Diözesanarchiv Brixen, die die Herausgeberin im Auftrag der Brixner Initiative Musik und Kirche für das RISM (Répertoire International des Sources Musicales / Internationales Quellenlexikon der Musik / Repertorio Internazionale delle Fonti Musicali) derzeit durchführt, trat eine Handschrift mit Mozarts Missa solemnis in C (so der Titel in Brixen) KV 257 erstmals zu Tage (Datenbank RISM A/II Nr. 650.004.848). Sie ließ es, in Kombination mit ihrem Fundort, zu, zwingend KV 257 als Spaur-Messe zu deduzieren. Ferner konnte sie als Teil-Material der Uraufführung vom 17. November 1776 in Salzburg ausgewiesen werden.

Die Brixner Handschrift, gefertigt von den äußerst zuverlässig und oft unter persönlicher Aufsicht der Mozarts arbeitenden Salzburger Hofkopisten Maximilian Raab und Felix Hofstätter, enthält überdies zahlreiche eigenhändige Eintragungen von Leopold und Wolfgang Amadé Mozart. Damit liegt ein weltweit höchstrangiges Rarissimum vor. Keine bisher bekannte Quelle zu Mozarts KV 257 gibt derart detaillierte Aufschlüsse über Phrasierung und Dynamik in der Ausführung, über die Intention des Komponisten wie in vielen Nuancen die Brixner Handschrift. Daher hat sie jetzt international als die primär relevante Quelle zu diesem kirchenmusikalischen Hauptwerk Mozarts zu gelten, und infolgedessen wird hier ihre Erstausgabe vorgelegt.

Insbesondere finden sich in den Brixner Oboen-Stimmen ausnehmend exakte, eigenhändige Vortragsanweisungen der Mozarts. Da W. A. Mozart bekanntlich größten Wert auf eine sorgsame Artikulation legte, ist beim Brixner Stimmenmaterial etwa die unterschiedliche Artikulation der Streicher von hoher Bedeutung und darf nicht übergangen werden. In Brixen entfielen die drei Posaunen, die als Spezifikum in Salzburg dort stets colla parte die Vokalstimmen Alt, Tenor und Bass begleiteten. Die zwei in Salzburg verfügbaren, von Mozart 1776 für KV 257 auch eingesetzten Orgeln (Solo- und zusätzlich bei Tutti-Stellen Ripieno-) sind in Brixen auf eine einzige reduziert. Adaptierungen an lokale Gegebenheiten waren im 18./19. Jahrhundert vielfach üblich, doch besticht die Brixner Überlieferung von KV 257 durch ihre Authentifizierung vonseiten des Komponisten. Details zur Edition liefert der Kritische Bericht.

Literatur (mit Abbildungen aus der Handschrift):

Hildegard Herrmann-Schneider, Wolfgang Amadé Mozarts Spaur-Messe KV 257. Ein altes Rätsel der internationalen Mozart-Forschung und seine endgültige Lösung in Brixen 2007,

in: Der Schlern 81 (2007), Heft 11, S. 4-21.

Ein herzlicher Dank gilt dem Domkapitel und Diözesanarchiv Brixen

für die Genehmigung der Veröffentlichung und stets hilfreiche Unterstützung der RISM-Inventarisierung.

Innsbruck, 30. Oktober 2007

HHS